Städte-Bashing, die Erste


Ich bin in Berlin geboren, zur Schule gegangen, habe dort studiert und einen hochanständigen akademischen Grad erworben. Und ich fand Berlin durchaus okay. Ziemlich okay sogar. Man konnte dufte einkaufen und in tolle Clubs gehen. In der Retrospektive würde ich die Phase, in der dies Indikatoren für meine hohe Lebensqualität waren, nicht unbedingt als meine tiefgründige Periode bezeichnen. Die zweifellos zahllosen Biografien, die nach meinem Tod oder womöglich schon zu Lebzeiten veröffentlicht werden, nennen diese Zeit die "Hühnchen-Phase". Gack.

Ich zog dann nach Oldenburg. Oldenburg in Oldenburg. Mit Hilfe der überaus praktischen home company fand ich ein wirklich hübsches möbliertes Zimmer. Großes Thumby Up. Man sollte allerdings vermeiden, in der Zeit der Kohlfahrten dort aufzuschlagen. Kohlfahrten, das klingt wie eine nette Unternehmung mit Naturbezug und kulturellem Hintergrund.

In der Realität entpuppt es sich eher als eine Art mobile Vorhölle. Entfesselte Männerhorden ziehen mit einem alkoholbeladenen Bollerwagen durch die Stadt und werden zunehmend betrunkener. Geht man als Frau vorbei, wird man zum Schmusen aufgefordert, wobei man "Schmusen" in der Regel durch etwas deftigere Synonyme ersetzt. Weltkulturerbe.

In Oldenburg sitzt auch die Firmenzentrale der Firma Nanu-Nana, deren Inhaber für die Verbreitung der Diddl-Maus minutenlang gewürgt gehört. Kein Wunder, dass die Oldenburger soviel saufen. Ansonsten ist diese Stadt aber kummerfrei. Sieht man von meinen beiden männlichen Kollegen ab, die an Wochenenden regelmäßig in einem unfassbaren Alkoholexzess versanken, genährt von einer Art Erdbeerlikör und Chili-Tequila. Dies war auch Bestandteil des Einweihungsritus für neue Kolleginnen. Abteilungsessen beim Mexikaner, scheinheiliges Ordern einer Tequila-Runde, präpubertäres Gekicher angesichts herausquellender Kolleginnenaugen und Schweissausbrüche. Oldenburger.

Diese Kummerfreiheit bereitete mir bei der einzigartigen Gelegenheit einer Wahlteilnahme einiges Kopfzerbrechen. Wahlkampfthemen hat Oldenburg kaum, es gibt keine sichtbare Kriminalität, keine sichtbaren Obdachlosen, nicht einmal Ausländer hat es dort. Die Steuereinnahmen aus der Alkoholsteuer nähren alle reichlich. So werden dort eben noch schärferer Chili-Tequila und allzeit herausquellende Neukolleginnenaugen versprochen, die Jugendlichen erhalten feste Zusagen über mehr Dezibel in den Techno-Land-Diskos, die sie auch in Zukunft mit igelig hochgegelten Haaren betreten dürfen, wann immer ihnen oder der Disko danach ist.

Ich für meinen Teil gab aus Dafke meine Stimme dem sympathischen Michael Grüß, dem DKP-Vertreter, der mit 26 noch Auszubildender ist. Ich stehe der Deutschen Kommunistischen Partei keinesfalls nahe, aber in Oldenburg geht nix kaputt, wenn Michael Grüss neben Muttis und Vatis Stimme noch meine dazu erhält.

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