Mittendrin, aber nicht voll dabei: Karlsruhe

Montag, 31. März 2008

Wohnungssuche in Karlsruhe. Ein dunkles Kapitel.

Zwar hatte die Suche bei der HomeCompany, einem Portal, dass möblierte Wohnungen auf Zeit vermittelt, eine kleine Auswahl ergeben, aber die war mir für Karlsruhe zu mager.

Ich fand schnell ein bezauberndes kleines 1-Zimmer-Appartment, auf dessen Balkon ich die hübsche Aussicht auf meinen neuen Arbeitgeber genießen konnte. Und ich lernte etwas über Umzüge in neue Städte: LERNE DIE VIERTEL KENNEN!

"Wer den Tod nicht scheut, zieht nach Oberreut", dies ist der mittlerweile gefühlte eine Million Mal gehörte Satz, den die Nennung meines neuen Wohnviertels nach sich zog. Dabei ist Oberreut garnicht so schlimm. Als ich die WOhnung besichtigte, schien die Sonne. Die Strassenbahn zog vor dem Gebäude der Badenia-Versicherung ihre Kreise, Kinder spielten auf den Strassen. Eine kleine charmante Siedlung.



Es ist nichts konstant hier in Karlsruhe, alles bewegt sich, das beobachtete ich an einer Socke, die an einer Bushaltestelle lag. Halb zusammengerollt, am Anfang wirkte sie frisch und jung und ungestüm. Einen Tag später thronte eine Schnecke auf ihr, die mich hämisch verspottete und mich hinter meinem Rücken nachäffte, ehe sie über die Socke kroch. Ich eilte weiter. Abends dann fand ich die Socke übel zugerichtet, Schleimspuren zogen sich kreuz und quer über sie, eine wahre Kriechorgie muss die Schnecke veranstaltet haben, sicher war sie ganz außer Atem. Tags darauf schneite es und bedeckte den Tatort.

Oberreut wird in erster Linie von Russlanddeutschen bewohnt. Man verriet mir, dass Karlsruhe eine der ersten Anlaufstellen für diese war. Und so zog man ihnen ein hübsches Neubauviertel mit nicht allzu hohen Häusern hoch. Früher war Oberreut vielleicht übel beleumundet. Jetzt kann ich es mir nicht erklären.

Nur diese Sockensache...

Eine Woche später lag an der gleichen Stelle wieder eine Socke. Schon wieder! Auf Piratenschiffen und in Arenen voll mit Gladiatoren reißen sich die feurigen Kerle in den Augenblicken größter Aufgewühltheit die Hemden von der haarigen Brust. Das russische Gefühls-Aktionsäquivalent scheint das vom-Fuss-rupfen der Socke zu sein. Sympathische kleine Schrulle, das. Seltsam leblos lag sie da, ich schaute weg.



Guckt mal, so ist Karlsruhe. Manchmal deprimierend und langweilig, ja, aber irgendwie auch fremd und wild.






Städte-Bashing, die Zweite

Sonntag, 16. März 2008


Karlsruhe. Ach Karlsruhe. Umzug nach Karlsruhe, umziehen nach Karlsruhe, im Umzugs-LKW nach Karlsruhe, ein Jammer.

Vielleicht wird es einige interessieren, dass es eine gute Idee ist, beim abschließenden Bewerbungsgespräch, also in dem Moment, in dem alle ihren Kummerbund lockern und die Gamaschen abwerfen, das Thema Umzugskosten als Zuckerl aufs Tablett zu bringen.

Umzugskosten für Umzüge von Stadt zu Stadt sind nicht gerade gering. Selbst für eine 1-2 Zimmer Wohnung bis zu 60 qm liegen diese nur für Ein- und Ausladen plus Transport bei 600-1200 Euro. Bei 3-4-Zimmern ist man schnell bei 2000 Euro. Interessant ist für manche Arbeitgeber auch der Vorschlag, sich aktiv am Umzug zu beteiligen. Das heisst natürlich nicht, dass man sich einen Nachmittag die Klempnerfalte des neuen Chefs anschauen muss, wann immer er einen schweren Schrank hebt. Sondern dass das Unternehmen einen Umzugstransporter, Fahrer oder Helfer stellt.

So wie mein überaus liebenswerter Ex-Arbeitgeber, der mir einen Fahrer samt Transporter nach Oldenburg schickte. Was übrigens sehr wichtig war, denn ich habe, nein: ich hatte keinen Führerschein. Umzug ohne Führerschein. Geht auch.

Aber ich schwoff ab, also Karlsruhe. Der Oscar für das knusprigste Hähnchen geht zweifelsohne an die Gockelburg.

Die Gockelburg-Hähnchen spotten jeder Beschreibung und setzen neue Maßstäbe in Sachen Krossheit. Scharf oder mild, mit Brot oder ohne. Mehr Entscheidungen sind nicht zu fällen. Leute, meidet den vollgemüllten Schloßgarten und geht zur Gockelburg!

Kulinarisch ist Karlsruhe ein Knaller. Neben der Gockelburg lockt auch Kofflers Heuriger ein Restaurant mit Biergarten, in dem man astreine österreichische Spezialitäten bekommt. Bedauerlich allerdings ist die Papageienhaltung dort.

"Wo bleibt denn da das Städtebashing??" werdet ihr jetzt schnaubend ausrufen, aber nur mit der Ruhe, ich habe fertiggepriesen. Jetzt kommt der Rest.

Karlsruhe wird bewohnt von Karlsruhern, die ein liebenswerter Menschenschlag sind, die sehr gut kochen. Aber kein deutsch können. Sich aber über andere beschweren, die es auch nicht können. "Karlsruhe hat ein Ausländerproblem" ist ein Satz, den man in Karlsruhe so oft hört wie "Nein, wir haben immer noch keine bezahlbare Wohnung gefunden" in Hamburg oder "Gott, was ist es hübsch hier" in Oldenburg. Mindestens 10 Leute haben mir dies in breitestem Karlsruherisch mitgeteilt. In meinen zwei Jahren Karlsruheaufenthalt habe ich nicht einen einzigen Ausländer kennengelernt. Möglicherweise bezogen sich alle auf den Mangel an Ausländern?

Hier in Hamburg stapeln sich die Ausländer geradezu, aber nie habe ich eine Beschwerde darüber gehört. Man geht multikulti Krupuk essen beim Bok oder Kumpir beim Türken. Ohnehin hängt halt Hamburg an schönen Tagen auf dem Galao-Strich in der Schanze und portugiest sich einen hinter die Binde (haha, klasse Wortspiel). Wohin sollen denn die Szene-Schnuffis ihre engen Röhrenjeans tragen, wenn nicht zu Ausländern und ihrer Gastronomie? Karlsruher vor, zeigt mir eure Ausländer.

Meine Meerschweinchen -Südamerikaner- wussten schon, warum sie all diese Stunden schimpfend im Umzugstransporter saßen. Ich inzwischen auch. Karlsruhe!

Right at it, Trumpfi! Umzug mit Tier 2.0

Freitag, 7. März 2008

Bei meinem ersten Umzug mit Tier vor drei Jahren hatte der Trumpfbert ein Grubenunglück simuliert. Das dicke Schweinchen presste sich durch das Seitenteil einer Klapp-Box aus Plastik. Auf dieser leeren Box stand eine zweite, schwer beladen, mindestens 10 Kilo schwer. Jene brachte die untere Box nach der vom Schwein verursachten Instabilität zum einstürzen, bzw. zum vom Erfinder vorgesehenen Zusammenklappen. Stunden vergingen. Dann klappernde Schlüssel, nämlich meine an der Wohnungstür. Schmerzerfülltes Wimmern aus der Küche, schnell wird eine Box zur Seite gestoßen und ein plattes, schweißgebadetes Nagetier befreit. Das Nagetier war benommen und irgendwie merkwürdig geformt. Mein Herzbluten angesichts der eigenen Rabenmütterlichkeit kompensierte ich durch verzweifeltes Wiederbelebungsstreicheln. Das Schwein war trotzdem sauer.

Andere gute wohnungsrelevate Geschichte in einer Tiersendung:



Ein Dornenteufel, eine eher kleine Echse, die, der Name verrät es, dornenartige Hornauswüchse am ganzen Körper hat, lebte in einer Erdhöhle, die er eines Tages mal wieder verließ, um sich die Beine zu vertreten. Als er zurückkehrte, war eine Mäusefamilie in seiner Höhle eingezogen. An dieser Stelle kam ein klassischer Satz:



Der

Dornenteufel

staunt

nicht

schlecht.


Faustdicke Lüge. Vermutung, Unterstellung. Wer eine Echse geistig parat hat, kann mit ihr keinen einzigen Gesichtausdruck verbinden ausser der default-Einstellung absoluter Gleichgültigkeit. Vielleicht ihre Art, Seriosität zu vermitteln. Hier fällt mir auf, dass Echsen sehr adrette Tiere sind. Hat je einer eine schlampige Eidechse gesehen? Echsen sind die Nachrichtensprecher unter den Tieren. Eine Ausnahme allerdings: die Warane, denen häufig die Essensreste für Stunden aus dem Mundwinkel hängen. Von so jemandem möchte ich noch nicht einmal
den Wetterbericht hören.

Ach ja: Mäusefamilie und Dornenteufel arrangierten sich. Gibt es eine Moral aus der Geschichte? Falls ja, bitte niederschreiben und mir schicken.






Umzug mit Tier

Donnerstag, 6. März 2008


Der Chef des Meerschwein-Clans hiess Trumpfbert. Eigentlich hiess er lange Zeit erstmal garnicht, dann brachten ihm gewisse Eigenschaften den Arbeitstitel "Pinkelkönig" ein, bis eine Meerschweinsitterin beim Tierarzt steif und fest behauptete, das Tier hiesse wirklich und endgültig Pinkelkönig. Der Krankenakten-Eintrag "Ernst-August" (den ich mir damals schnell aus den Rippen geschwitzt hatte, weil mir "Pinkelkönig" lieblos vorkam und Ernst-August immerhin Pinkelprinz war) könne nur ein Irrtum sein und man möge doch bitte am richtigen Namen des Tieres festhalten. Danach habe ich ihm dann doch einen amtlichen Namen gegeben.




Aber einsam schien er mir. Also ging ich zu Karstadt und forderte leidenschaftlich "Geben Sie mir das schönste Schweinemädchen, dass die Welt je gesehen hat!" Eilfertig reichte man mir das bildschöne Wesen, dass fortan an des Erstschweins Seite ruhte und der er sich nur noch mit ehrfürchtiger Verehrung näherte. Sie war weiss-milchkaffeefarben mit einem rosa Näschen und zarten rosa Pfötchen, die stets adrett und anmutig nebeneinander lagen.


Das zarte Wesen nannte ich Selma.
Sie erblühte von einem schmalen schüchternen Mädchen mit großen runden Augen zu einer kurvigen prachtvollen Diva, die die Nacht mit dem perfekten Schnäuzchen auf dem breiten Rücken des Pinkelkönigs verbrachte. Meerschweinchen sind Rudeltiere und verbringen viel Zeit miteinander, aber das war die ganz große Liebesgeschichte zwischen dem wettergegerbten Draufgänger und der High-Society-Lady. Selma geriet streng nach Rassevorschrift, sie war praktisch viereckig, mit langen seidigen weißen Haaren.



Eines Tages trat dann eine Brünette in ihr Leben. Schweinchen Betty war nicht beliebt unter ihresgleichen und wurde zu mir abgeschoben. Der Pinkelkönig war unentschlossen. Betty war schlank, wildfarben und machte keine Zicken. Seine Augen verengten sich zu Schlitzen und er zog nachdenklich an seiner Zigarette, aber vielleicht hockte er auch nur mümmelnd in der Ecke, während sich die Weiber kloppten. Selma blieb siegreich und auch in ihrem neuen zuhause wurde Betty nicht die First Lady.