Mittendrin, aber nicht voll dabei: Karlsruhe
Wohnungssuche in Karlsruhe. Ein dunkles Kapitel.
Zwar hatte die Suche bei der HomeCompany, einem Portal, dass möblierte Wohnungen auf Zeit vermittelt, eine kleine Auswahl ergeben, aber die war mir für Karlsruhe zu mager.
Ich fand schnell ein bezauberndes kleines 1-Zimmer-Appartment, auf dessen Balkon ich die hübsche Aussicht auf meinen neuen Arbeitgeber genießen konnte. Und ich lernte etwas über Umzüge in neue Städte: LERNE DIE VIERTEL KENNEN!
"Wer den Tod nicht scheut, zieht nach Oberreut", dies ist der mittlerweile gefühlte eine Million Mal gehörte Satz, den die Nennung meines neuen Wohnviertels nach sich zog. Dabei ist Oberreut garnicht so schlimm. Als ich die WOhnung besichtigte, schien die Sonne. Die Strassenbahn zog vor dem Gebäude der Badenia-Versicherung ihre Kreise, Kinder spielten auf den Strassen. Eine kleine charmante Siedlung.
Es ist nichts konstant hier in Karlsruhe, alles bewegt sich, das beobachtete ich an einer Socke, die an einer Bushaltestelle lag. Halb zusammengerollt, am Anfang wirkte sie frisch und jung und ungestüm. Einen Tag später thronte eine Schnecke auf ihr, die mich hämisch verspottete und mich hinter meinem Rücken nachäffte, ehe sie über die Socke kroch. Ich eilte weiter. Abends dann fand ich die Socke übel zugerichtet, Schleimspuren zogen sich kreuz und quer über sie, eine wahre Kriechorgie muss die Schnecke veranstaltet haben, sicher war sie ganz außer Atem. Tags darauf schneite es und bedeckte den Tatort.
Oberreut wird in erster Linie von Russlanddeutschen bewohnt. Man verriet mir, dass Karlsruhe eine der ersten Anlaufstellen für diese war. Und so zog man ihnen ein hübsches Neubauviertel mit nicht allzu hohen Häusern hoch. Früher war Oberreut vielleicht übel beleumundet. Jetzt kann ich es mir nicht erklären.
Nur diese Sockensache...
Eine Woche später lag an der gleichen Stelle wieder eine Socke. Schon wieder! Auf Piratenschiffen und in Arenen voll mit Gladiatoren reißen sich die feurigen Kerle in den Augenblicken größter Aufgewühltheit die Hemden von der haarigen Brust. Das russische Gefühls-Aktionsäquivalent scheint das vom-Fuss-rupfen der Socke zu sein. Sympathische kleine Schrulle, das. Seltsam leblos lag sie da, ich schaute weg.
Guckt mal, so ist Karlsruhe. Manchmal deprimierend und langweilig, ja, aber irgendwie auch fremd und wild.
